And The Winner Is: 2 Oscar für Milk - und endlich: Der kalifornische Führerschein!

Dienstag, 24. Februar 2009
Es regnet, es ist kalt, die Erkältung klingt aus, aber nur sehr langsam, und vor lauter Schonen für die Gesundheit verlasse ich kaum das Haus – mein Kämmerchen könnte nun auch irgendwo in Berlin auf dem Prenzlberg sein – zumindest die Wohnung in einem viktorianischen Haus verrät mir, dass ich nicht in Köln bin. Das Ankommen findet aktuell nur sehr langsam statt.

Oder auch nicht. Als ich die Tage zu Karl-Heinz kam, öffnete er mir nebenbei die Tür mit der Bemerkung „Ich telefonier gerade mit Hollywood…“ – ja, blöder Scherz. Ich musste an die Zeit im Krankenhaus denken. Damals, am Klingeln des Stationstelefons konnte man erkennen, ob ein Telefonat hausintern oder von extern kam (letzteres hatte ein Doppelklingeln, soweit ich mich recht erinnere). Kam ein Gespräch von außen, war das geflügelte Wort „Hollywood is calling!“ – immer ein gern gemachter Spaß – jetzt komme ich hier rein, und es ist wahr, der Typ telefoniert gerade wirklich mit Hollywood (bzw. einem Schauspieler-Freund, der dort wohnt). Schon verrückt, dass ich da auf einmal ganz nahe dran bin.

Für Karl-Heinz als (Neben-)Darsteller im Oscar-gekürten Amadeus ist die Oscar-Verleihung ein Muss - und gleichzeitig Anlass für die Sonntagsnachmittageinladung zum Gucken der Übertragung. Ganz aufgeregt ist er. Klar, man muss jetzt nicht in Amerika sein, um dieses Spektakel sehen zu können, aber mit meinem Besuch von L.A. und damit von Hollywood im Dezember sehe ich das eben doch mit anderen Augen. Ich sehe genau den Eingang vom Kodak-Theater, die Treppe, auf der Heike mich dann abgelichtet hat, und den ganzen Walk-Of-Fame, der nun von 1000den von Menschen belagert ist, Tribünen aufgebaut sind, man könne fast meinen, et wör Karnewal un d’r Zooch kütt – terminlich zumindest gut auf einander abgestimmt, diese beiden Massenevents (Bekomme nur über die Tagesschau vom Kölner Karneval was mit, vermisse es nicht, weiß aber auch, dass ich feiern würde, wenn ich da wäre!). Ich drifte ab…

Oscar für Sean Penn in Milk als bester männlicher Schauspieler


Oscar-Verleihung zu gucken macht Spaß. Und es ist natürlich aufregend. Milk, nicht der Absahner des Jahres, aber mit zwei Oscars schon Aufmerksamkeit erweckend, macht mich selber sehr glücklich. Schaut man sich die Oscar-Verleihung an, ist es einfach viel Glamour und viel Show – wie sich das auch gehört. Penélope Cruz schafft es zumindest, noch ein paar Worte in Spanisch zu sprechen und bedankt sich bei Pedro Almodóvar. Kate Winslet (Mikela, jetzt nicht böse sein, der Oscar sei ihr gegönnt, ich finde sie auch super), bedankt sich in einer Art, wie es auch geschauspielert sein könnte, und man wartet, dass das große Schiff jetzt untergeht, und Leonardo DiCaprio dann auch ertrinkt oder erfriert… (Ja, ich bin zynisch ;-))

Bei beiden Dankesreden von Milk – so erlebe ich es zumindest, wird diese ganze Oscar-Verleihung auf einmal politisch! Dustin Lance Black, Autor des Drehbuchs von Milk steht auf der Bühne, den Tränen nahe, und es geht eben um mehr, nicht nur um einen schönen Film, sondern darum, dass der Film vom echten Harvey Milk handelt, der unermüdlich für die Rechte von Lesben und Schwulen gekämpft hat, und dem viele der „Community“ für viel dieser Freiheit von heute danken dürfen. Gleichzeitig sagt Black aber auch, dass immer noch keine Gleichstellung erreicht ist, und dass er weiter für die Homo-Ehe kämpfen wird. Die Niederlage der Prop8 in der November-Wahl ist hier noch nicht verdaut.

Auch Sean Penn lässt sich nicht lumpen, ein Statement ab zu geben. Natürlich ist es witzig anzugucken: Wie jeder Schauspieler, der einen schwulen Mann spielt, ist auch er der Frage ausgesetzt, was denn nun mit seiner eigenen sexuellen Orientierung ist. Hier muss er den Spagat machen, er darf sich das schwule Volk nicht verprellen, aber trotzdem mitteilen, dass er nun selber nicht auf Kerle steht. Er bekommt es nach meinem Geschmack charmant hin und vor allem unterstützt er die Kampagnen der Schwulenszene und fordert im Rahmen der Oscar-Verleihung ebenfalls die Gleichstellung!

Dokumentation aus und über das Castro


Abgesehen von der Oscar-Verleihung ist Milk ein besonderer Film für mich. Ich habe ihn gesehen, und es war mehr oder weniger eine filmische Dokumentation der Umgebung, in der ich mich im letzen Herbst bewegt habe. Wer den Film sehen wird: Harvey Milk hat einen Foto-Laden – in dem ist derweil ein Chi-Chi-Deko-Laden – in dem wir eine Stunde vorher waren, bevor wir den Film im Dezember im Castro-Kino auf der Castro-Street gesehen haben. Aus dem Laden heraus konnte man immer wieder auch den Wein-Laden gegenüber sehen – den gibt’s heute noch. Selbst das Castro-Kino, in dem wir saßen, war Teil der Kulisse, wir saßen also mitten drin im mitten drin.

Und auch die Proteste, die zwischen Castro und Civic-Center, also der Stadthalle, zogen, nahmen genau die Protestwege, die im Herbst zur Demo gegen Prop8 gegangen wurden.

Wer also eine Ahnung haben möchte, wo ich das zweite Halbjahr 2008 verbracht habe – schaue Dir Milk an – besser kann ich es selber nicht zeigen!

Mein persönlicher Oscar – der kalifornische Führerschein


Ganz unscheinbar war ich heute beim DMV, dem Straßenverkehrsamt der USA. Mit dem eigenem Mietwagen war ich über eine Stunde früher da (auch wenn mir die Lady im Dezember versprochen hatte, ich müsse den Wagen nicht noch mal zahlen. Sie hat derweil gekündigt, und war nicht mehr erreichbar für ihr Versprechen, ich habe also nun doch zweimal das Auto für diesen Zweck bezahlt), angemeldet. Papiere in Ordnung, Auto in Ordnung, mein Prüfer – irgendwas Asiatisches, vermeintlich Mexikanisches im Vorruhestandsalter zelebrierte die Prüfung. Hab nicht alles verstanden, musste ihm zeigen, wie ich mit der Hand aus dem Fenster blinke (hatte ich nicht gelernt), erstaunlicher Weise waren es bestimmt 20 Minuten, die wir durch das Viertel des DMV gekreuzt sind. Maximal 15 kleine Fehler darf man machen, 9 habe ich gemacht, 8 davon bezogen sich auf „nicht durch geführten Traffic Check“, also, dem erfassen und beobachten der allgemeinen Verkehrs- und Straßenlage. Keine Ahnung.

Ich würde schon sagen, dass ich ein routinierter Auto-Fahrer bin, der die Lage auch gut im Blick hat (bin im Prinzip unfallfrei), wahrscheinlich hätte ich vor jedem Blinken demonstrativ den Kopf in Richtung aller Spiegel drehen müssen, damit ich hier nicht „angemeckert“ worden wäre. Sei’s drum – der Lappen ist da –kommt nun per Post – übrigens an meine neue Adresse – Mietvertrag ist unterschrieben, diese Woche ziehe ich noch um. Freue mich, dann endlich meine Koffer richtig auszupacken, aktuell ist das noch nicht passiert. Vielleicht geht das Ankommen dann etwas schneller, zumindest Erkältung ist jetzt soweit abgeklungen, dass im März auch wieder Sport angesagt ist – ein bisschen Winterspeck ist eben doch dazu gekommen ;-)

City-Cruising zum Ankommen


Ach ja – fast vergessen – nach der Prüfung und mit dem Auto unterm Hintern habe ich dann auch das gemacht, was ich vor zwei Wochen machen hätte sollen – bin einmal kreuz und quer durch die Stadt gefahren. Hoch auf Twin Peaks, dank Regen ist das Gras super-grün Regenbogen über dem Hafen. Weiter an den Ocean-Beach – die Sonne brennt fast ein wenig, ein großes Hallo dem Pazifik entgegen gebrüllt, weiter zur Golden Gate Bridge – bin also doch wieder da… Ist schon schön hier – und höre heute, ab dem 15. März wird das Wetter auch immer besser, dann hört’s hoffentlich auf mit den herbstlichen westdeutschen Regentagen… In diesem Sinne…

Best Job In The World - möglichst ohne Erkältung

Donnerstag, 19. Februar 2009
Seitdem ich hier bin habe ich das Haus kaum verlassen. Nach drei Tagen Jetlag, damit aber durch, hat mich eine richtig fette Erkältung eingeholt. Am Sonntag hat‘s hier so richtig geregnet, ich bin trotzdem vor die Tür, weil ich das Gefühl hatte, muss einfach mal an die Luft. War eine Stunde später wieder hier - die Hose nass bis zum Hintern (nicht etwa nur die Hosenbeine am Boden), die Jacke zum Teil auch durchnässt, und der Regenschirm kurz vom wegwerfen derangiert, da es auch ziemlich stürmte. Fast zynisch kam es mir vor, dass bei diesem Wetter der riesige Springbrunnen am Civic Center seine Fontänen in die Luft jagte.

Die Erkältung fand das nicht so gut. Aber als ob Unmengen von Vitaminen und Wasser seine Arbeit machen - am Dienstag taten mir irgendwann die Bauchmuskeln vom Husten weh - heute ist es so gut wie durch - noch leicht verschnupft, aber alles wieder im Fluss.

Videobewerbung gestrickt


Zu Hause sein - auch das Wochenende - bietet natürlich Gelegenheit für neue Ideen. Wer es aus den Medien mitbekommen hat, sucht Queensland in Australien jemanden für ein halbes Jahr, der die Fische füttert, den Pool reinigt und über alle touristischen Erlebnisse bloggt - da fühle ich mich also berufen. Vom Tourismusverband Queensland sicher einer der besten Marketing-Aktionen, die ich bisher gesehen habe.

Nun denn, alle Hemmungen abgeworfen, Bescheidenheit ist bei einer solchen Bewerbung nicht angesagt. Auch egal, wie gut oder schlecht mein English ist. Auch egal, wenn ich zu schnell spreche und ich immer wieder Worte verschlucke. Und ebenso im Kopf, wie sehr kann man sich in dieser Welt zum Affen machen. Egal. Zumindest bin ich nicht der einzige, der sich dieser Peinlichkeit hin gibt. Es sind derweil knapp 10.000 Bewerbungen auf de Webseite, 50 davon kommen auf eine Short-List, 10 werden zum Vorstellungsgespräch nach Australien eingeladen. Das „Gespräch vor Ort“ würde mir schon reichen ;-).
Außerdem hat das Video-machen Spaß gemacht, müsste viel mehr in dieser kreativen Weise arbeiten…

Wer mir was Gutes tun will - bitte diesen Link klicken und natürlich mit 5 Sternen abstimmen: Stephan for the BEST JOB IN THE WORLD.

Wer einfach nur gucken will: Das Video direkt bei YouTube:



Zeit rennt, Zeit steht, Zeit verblasst – zurück in San Francisco!

Samstag, 14. Februar 2009
Turbulent ist jetzt übertrieben, aber die letzte Zeit war schon sehr vollgepfropft mit Treffen, Eindrücken, weiteren Veränderungen. Ich weiß gar nicht, wo ich angefangen soll. Selbst der Bericht vom Dienstag, den ich im Flieger geschrieben habe, ist für mich schon wieder überfällig - die Welt wirkt auf mich jeden Tag anders!

Zeit steht


Naja, ungefähr so wie die Rotorflügel eines Hubschraubers, da sieht man irgendwann auch nicht mehr, wie die sich drehen – so ungefähr kommt mir die Zeit zwischen Ende Dezember und Anfang Februar vor. Nach meinem Geburtstag Mitte Januar war zwar der Höhepunkt meines Besuches erreicht, danach, aber auch vorher war eigentlich jeder Abend mit irgendeiner Verabredung verplant. Zum Ende teilweise auch schon mal zwei, oder eine zum Mittag-, eine zum Abendessen, dass mir irgendwann nur noch nach Ruhe war, die aber erst mit San Francisco in erreichbare Nähe zu kommen schien.

Natürlich alles bei mehr oder weniger vollem Arbeiten – die Kollegen in der Mediagroup haben mich gerne auch mal um 10:45 mit einem süffisanten Grinsen und den Worten „Wie, aus dem Bett gefallen“ begrüßt, weil das sicher eine der frühesten Anfangszeiten war. Bei allem Rumreisen (Besuche in Bonn, Essen, Bochum, Kamen und natürlich regelmäßig im Bergischen), noch ein paar Arzttermine und das Kümmern um ein paar finanzielle Angelegenheiten, spätem zu Bett gehen, da ich ganz nebenher noch eine Webseite für Freunde aus Bremen gemacht habe – vorzüglich in den Stunden nach Mitternacht – bin ich trotzdem immer früh wach gewesen, und habe die Morgenstunden von acht bis um zehn oder elf für mich genutzt, um einfach mal mit mir zu sein und Zeit für mich zu haben.

Die Treffen mit ganz unterschiedlichen Freunden waren durch die Bank sehr schön, vor allem immer mit viel Inhalt und Tiefe. Ich habe das Gefühl, viel von den Leuten mitbekommen zu haben. Unterschiedliche Eindrücke, Leute, die sich beruflich umorientieren, andere, die mit der Aufzucht ihrer Sprösslinge beschäftigt sind und auch schon mal an ihre Belastungsgrenzen kommen, wiederum Leute, deren Kinder langsam das Haus verlassen und die sich mit Mitte 40 umgucken, was denn jetzt der Inhalt des Alltags wird. An vielen Ecken habe ich erlebt, dass immer auch wieder die Frage im Raum steht, wie es weiter geht, nicht tiefschürfend traurig, sondern einfach nur als Lauf den Lebens. Und beruhigend zu sehen, dass ich nicht der einzige bin, der auf der Suche ist.

Zeit verblasst


Die vier Wochen nach meinem Geburtstag bis zum Rückflug schienen dann trotz des prallen Terminplans nicht weiter zu gehen. Deutscher Alltag machte sich breit. Wenn ich meine Fotos zeigte, stellte sich immer mehr das Gefühl ein, das sind Geschichten, die ich irgendwo gelesen habe, aber mit mir schien das nicht mehr viel zu tun zu haben. Das anfänglich fremde Gefühl in Köln, vieles mit anderen Augen zu sehen, verschwand ebenfalls wieder, alles war so wie immer, einfach zu Hause. Hand auf Herz, Köln ist jetzt nicht schön (München oder Hamburg sind schön), aber lebenswert, sicher einer der Orte in Deutschland, der immer meine Heimat bleiben wird.

Und ab und an war ich in der Gegend meiner Wohnung, die nach wie vor untervermietet ist. Ich merkte, wie vertraut mir alles ist, und gleichzeitig hatte ich wieder das Gefühl des Eingefahren-Sein, der Drang nach Veränderung meldete sich wieder, und ich wusste wieder ganz genau, warum ich letzen Sommer die zufällige Gelegenheit der Greencard wahr genommen hatte.

Zeit rennt


So lange, wie das Warten schien, so schnell war der Dienstag dieser Woche da. Endlich. Vom Gefühl in der Tat so, jetzt hätte ich auch in Köln bleiben können, war ich dann doch froh, dass der Tag jetzt da war. Das Warten hatte lediglich die Eigenschaft, als ob alles auf Eis liegt – in Köln fing ich nichts Neues mehr an, da die Tage gezählt waren. In San Francisco sind die Leute, die ich kennen gelernt habe, und junge Kontakte bedürfen sicher mehr Pflege als die guten alten, die ich in Köln habe. Darüber bin ich übrigens richtig glücklich, dass die Bindungen in Köln bzw. Deutschland auf ganz starken Fundamenten ruhen! Genauso wie die Zeit verblasste, schienen auch die neuen Leute in San Francisco zu verblassen, eine leichte Befürchtung machte sich breit, dass die lange Zeit der Vertrautheit mit den neuen Menschen schadet.

Der Abschied in Köln war ganz anders als letzen Sommer. Im Bergischen bei meinen Eltern kam mir das Auf-Wiedersehen-Sagen schwerer vor als letzen Sommer – alleine deswegen, weil wir nicht von vielen äußeren Dingen abgelenkt waren. Nach dem gemeinsamen Mittagessen merkte ich, jetzt muss ich los, sonst wird’s richtig schwer – kurz und bündig. Das tut schon weh. Und es geht auch weiter. Mutter Heller ist jetzt im Internet, und das erste Mal habe wir schon kurz geskyped (gibt’s das Wort eigentlich schon im Duden?), ich bin froh, dass wir uns jetzt beim Telefonieren auch sehen können.

In Köln selber ist es mir ebenfalls schwerer gefallen. Nicht weil es schwerer war, sondern weil es weniger spektakulär war. Keine große Party zum Abschied, keine Freunde, die mich zum Flughafen bringen (hätte ich gefragt, es hätte mich sicher jemand zum Bahnhof gebracht). Ich bin einfach aufgestanden, geduscht, alleine mit der U-Bahn zum Hauptbahnhof, in den ICE Richtung Frankfurt… Als ich dann über die Hohenzollernbrücke fuhr – leider konnte ich aus dem Zug nur das blaue Musical-Zelt und nicht dem Dom selber sehen – konnte ich mich auch nicht mehr beherrschen, und konnte mir ein paar Tränen nicht verkneifen.

Merkwürdig – anders als im letzen Jahr weiß ich ja jetzt, was mich erwartet – aber es war jetzt auch schön in Köln.

Der Schalter ist wieder umgelegt


Die elf Stunden im Flieger waren letzt endlich schnell vorbei. Zum Glück war der Flieger nicht Mal zur Hälfte ausgebucht, dass viel Platz da war und ich eine Zweierreihe für mich hatte. In meinem Buch las ich, dass keiner das Fliegen genießt. Ich hatte das Gefühl, das ist endlich die Ruhe, die mir seit Wochen gefehlt hatte – elf Stunden einfach mal nix machen. Soviel nix machen, dass selbst ich es geschafft habe, ein kleines 120-Seiten-Büchlein komplett zu lesen – und auch noch zwei Stunden Erlebnisgeschichten (nur für mich und nicht veröffentlicht) zu schreiben.

Im Flieger sprach mich eine Frau um die 50 an, die auf dem Weg zu Ihrer Tochter nach Neuseeland war, und sie keine Ahnung hatte, wie sie je ihren Anschluss-Flug finden könne, da sie kein Wort Englisch sprechen würde. Ganz im Sinne der „jeden Tag eine gute Tat“-Manier habe ich ihr meine Hilfe angeboten, sie war überglücklich. Ach ja, bei der Immigration am Zoll durfte ich dieses Mal mit meiner Greencard erstmals in die andere Reihe für Bürger und Bewohner der Vereinigten Staaten. Schon cool. Der freundliche Zöllner fragte noch, woher aus Deutschland ich käme – Köln – wunderbare Stadt, wie er meinte, schmiss mir dann wie viele andere Amerikaner die Worte „Oktoberfest, Wiener Schnitzel und Sauerkraut“ an den Kopf (das scheint hier der gängige deutsche Wortschatz der Amerikaner zu sein), fragte aber noch, wie ich an die Greencard gekommen sei, beglückwünschte mich zu meinem Lotterie-Gewinn und wünschte mir alles Gute. Für meine Dame im Schlepptau, die jetzt am selben Schalter war, der jetzt auch für Nicht-Amerikaner geöffnet wurde, da keine Staatenbürger mehr da waren, musste ich dolmetschen, und war selber überrascht, wie flüssig mir die Sprache über die Lippen ging. Einfach nicht drüber nach denken, dann klappt es am besten!

Als ich meine „gute Tat für den Tag“ am Schalter der neuseeländischen Airline abgeliefert hatte, und auch dort wieder die Redeführung übernommen hatte, war ich dann allein. Wieder in San Francisco - und es machte Klick. Als ob ein Schalter umgelegt worden wäre. Aber nicht einer dieser kleinen 110-Volt-Schalter, wie man sie hier gerne hat, sondern irgendein fetter Kraftwerk-Schalter. Es machte Wumm, und ich war wieder da, als ob ich nur zwei Tage weg gewesen wäre. Da ich im Herbst viel Besuch hatte, war ich oft am Flughafen, der ist mir von daher sehr vertraut. Und alles verblichene Erinnerung war wieder klar, super klar, und ich merkte, wie sich mein Dauergrinsen wieder einstellte, das ich im letzen halben Jahr oft an mir erlebt habe. Ich hatte nur das Gefühl: Jetzt habe ich zwei zu Hause, eins dort, und eins hier, und das wird wohl immer so bleiben.

Leider ging das Gefühl schnell wieder weg. Das Wetter ist sehr dürftig, meine Wohnung ist OK, aber nach meinem ersten Arbeitstag war klar, dass ich die Option auf Verlängerung nicht wahr nehmen kann. Neben den olfaktorischen Nebenerscheinungen der beiden Katzen (die sehr süß sind) ist vor allem mein Schreibtisch eher eine Kindervariante, und die DIN-A 3 Farbausdrucke des aktuellen WDR-Projekts liegen in der Zwischenablage des Kleiderschranks neben mir. Erstaunlicher Weise – trotz weichem amerikanischem Bett und Rattan-Sessel als Schreibtischstuhlersatz sind meine Rückenschmerzen seit drei Tagen weg – also, irgendwas schient sich an meiner Haltung verändert zu haben, was es mir gut gehen lässt. Vom Jetlag geplagt und zwei Tage Arbeit für Deutschland in meinem Kämmerchen habe ich nicht das Gefühl, in San Francisco zu sein.

Angekommen in San Francisco


Neben der Arbeit habe ich angefangen, mich auf erste Jobs zu bewerben. Vor allem aber habe ich mich nach einer neuen Bleibe umgeguckt. Mittwoch eine WG im Castro gesehen – coole Wohnung, das Zimmer aber mit 50cm Blick auf die nächste Häuserwand und über 100 Mitbewerber, weit über 1000 Dollar. Gestern eine WG auf dem Twin Peaks. Cooler Typ, schöne Wohnung, Blick über die ganze Stadt, aber auch über 1000 Dollar mit allen Nebenkosten. Habe heute abgesagt, da nicht ganz zentral, und je nach dem, wo ich arbeiten werde, der Weg auf den Hügel extrem weit werden kann.

Heute eine Wohnung mitten drin – mitten im Tenderloin. Mehr oder weniger im Drogen und Obdachlosenviertel, aber schon ein nettes Studio – müsste noch eingerichtet werden, aber für 900 Dollar erschwinglich. Die Lage scheint den Preis zu erklären, ich käm aber damit klar. Bei den Unterlagen wurde mir aber klar, dass ich wahrscheinlich keine Chance habe, da ich weder eine amerikanische Kredithistorie habe (ganz eigenes Thema), noch Einkünfte in Amerika der letzen drei Monate nachweisen kann. Holt mich also doch ein, dass ich nur für Deutschland gearbeitet habe.

Danach eine WG auf der Ashbury Street. 750 Dollar – und ich dachte noch, das wäre mal ein coole Adresse, dort, wo die 68er Bewegung statt fand und heute noch alles Hippie ist. Habe mich nur gefragt, was meinte der Typ, als er in seiner Anzeige schrieb, er legt Wert auf Ordnung und Sauberkeit – die 750 Dollar waren bislang das billigste, und hier konnte ich auch sehen, warum es so war ;-) .

Wollte danach nach Hause, saß im Bus, der auch in die Innenstadt fährt und dachte, ach, jetzt kannste noch in den Apple-Store und zu Abercrombie & Fitch fahren, die Dinge kaufen, die ich ganz oben auf meiner Liste hatte. Auch hier ist die Zeit nicht stehen geblieben – mein geliebter iPod (im August gekauft) ist veraltet, man hat jetzt den der 2. Generation – und Zubehör für die alten gibt’s nicht mehr. Dann muss die alte Schutzhülle, obwohl kaputt, eben bleiben.

Danach zu Abercrombie & Fitch, um mir die Kapuzen-Jacke zu kaufen, die ich in New York am Flughafen verloren habe. Hier hängt nun aber die Sommermode. Es gibt zwar eine ähnliche Jacke, die ist allerdings wesentlich dünner, habe gezögert, ach egal, ich will die haben. Zum Spaß gehe ich in das Kellergeschoss, und als ob es doch eine ausgleichende Gerechtigkeit gibt: Auf dem Wühltisch der Sonderangebote aus der letzen Kollektion liegt eine einzige blaue Jacke auf dem Tisch, genau die ich suchte, die Wintervariante, und genau in meiner Größe. Und da alles raus muss, das noch zum halben Preis. Die Engel sind doch mit mir.

Ich fahre nach Hause, Handy klingelt, Bettina ist dran, hat mit Ihrer Vermieterin gesprochen, und es gibt eine Wohnung für mich. Habe die Frau angerufen, auch wenn ich keine amerikanische Kredithistorie habe, sei es kein Problem, sie hätte gute Erfahrungen mit Deutschen gemacht, außerdem sei ich ein Freund von Bettina, und das sei ihr Referenz genug. Damit habe ich die mündliche Zusage für ein Studio – im selben Haus wie Bettina, mitten drin, nur ein paar Straßen vom Union-Square entfernt (was in Köln die Schildergasse wäre), für unter 1000 Dollar, und bekomme sogar noch ein neues Futton-Bett rein gestellt. Ist das cool? San Francisco nimmt mich also in Empfang!

Ich freue mich, und zugleich ist nach wie vor die Frage nach Köln oder San Francisco im Kopf. Aber ganz geschmeidig, nichts mehr, was mich aus der Bahn wirft. Ich habe derweil klar, dass ich das heute nicht entscheiden muss, vielmehr sogar, würde mich heute jemand fragen, gäbe es die klare Antwort, das Kapitel San Francisco wird auch irgendwann wieder zugemacht. Aber erst mal bin ich hier – auch nicht das letzten Mal. Freue mich darauf, wieder richtig anzukommen!